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Interview mit Dr. Frank Mentrup, Oberbürgermeister der Stadt Karlsruhe zum Projekt „Testfeld Autonomes Fahren Baden-Württemberg“



DIE PIONIERREGION KARLSRUHE LÄSST FAHREN

Seit 2013 ist Dr. Frank Mentrup Oberbürgermeister der Stadt Karlsruhe. Im Projekt „Testfeld Autonomes Fahren Baden-Württemberg“ engagierte er sich in der Antragsphase sehr und verbuchte es als persönlichen Erfolg, dass der Zuschlag dann gegen starke Konkurrenz nach Karlsruhe ging.

Dr. Frank Mentrup
Dr. Frank Mentrup

Herr Dr. Mentrup, was fasziniert Sie persönlich an der Zukunftsvision des autonomen Fahrens?

Die Hände vom Steuer zu nehmen, ist natürlich erst einmal ungewohnt. Aber als der aus Karlsruhe stammende Automobilpionier Carl Benz 1886 seinen ersten Patent-Motorwagen anmeldete, waren auch viele Menschen skeptisch angesichts dieses lauten und stinkenden Gefährts. Jetzt befindet sich die Entwicklung der Mobilität wieder an einem wichtigen Wendepunkt. Vieles ist revolutionär neu und verspricht ein Plus an Sicherheit, Komfort und Zeitgewinn, aber vieles muss auch noch weiter getestet und geklärt werden. Bundesrat und Bundestag diskutieren ja gerade einen Gesetzesentwurf zum automatisierten Fahren. Noch sind die Autopiloten nicht so weit, dass kein Fahrer mehr erforderlich ist und alle Menschen im Auto nur Passagiere sind. Außerdem gehören zum Stadtverkehr ja auch Straßenbahnen, Fahrräder oder Fußgängerinnen und Fußgänger. Und sie alle müssen sich sicher fühlen können.

Wann werden die ersten autonomen Automobile im Karlsruher Stadtbild zu finden sein?

Sie sind schon unterwegs. Das FZI Forschungszentrum Informatik testet hier seit vielen Jahren Assistenzsysteme, die etwa das Einparken unterstützen oder Routinesituationen selbstständig meistern. Mit seinen drei autonom fahrenden Fahrzeugen gehört das FZI mittlerweile zur Weltspitze der Forschung. Aber natürlich ist immer ein Sicherheitsfahrer an Bord. Das gilt übrigens auch für alle Fahrzeuge, die im Bereich des Testfelds von Forschungseinrichtungen oder Unternehmen erprobt werden. Fahrzeuge mit Autopilot für jedermann – etwa von Tesla oder Mercedes – sind ja seit vorigem Jahr auf dem Markt und auch schon auf unseren Straßen unterwegs. Deshalb ist es wichtig, möglichst bald auf Bundesebene zu klären, wie das Zusammenwirken von Fahrer und hoch- oder vollautomatisierten Fahrfunktionen geregelt werden soll. Wer oder was ist letztendlich verantwortlich? Die Themen Sicherheit, Rechtsrahmen und Datenschutz beschäftigen uns natürlich auch beim Aufbau des Testfelds.

Wie sah Ihre Unterstützung während der Antragsphase aus?

Welche Hebel haben Sie mit dem Zuspruch des Gemeinderats in Bewegung gesetzt? In der Region Karlsruhe arbeiten schon lange zahlreiche Forschungseinrichtungen und Unternehmen an Lösungen für eine umweltfreundliche, schnelle und sichere Mobilität. Das waren ideale Voraussetzungen, um sich an der Ausschreibung des baden-württembergischen Finanz- und Wirtschaftsministerium zum Aufbau eines Testfelds zum vernetzten und automatisierten Fahren zu beteiligen. Ich habe mich sehr gefreut, dass wir schon im ersten Monat der Ausschreibung alle Akteure – auch aus Bruchsal und Heilbronn – an einen Tisch bringen und somit bereits Anfang 2016 ein Bewerber-Konsortium bilden konnten. Als Karlsruher Oberbürgermeister war es mir auch wichtig, unseren Gemeinderat einzubeziehen. Der hat im April vergangenen Jahres – kurz vor der Abgabe unserer Bewerbung – zugestimmt, dass die Stadt für das Projekt insgesamt 190.000 Euro zur Verfügung stellt. Karlsruhe unterstützt den Aufbau des Testfelds durch die spezielle Ausrüstung von Ampelsystemen, durch Personalressourcen und durch den Ausbau des kostenlosen Internetangebots KA-WLAN. Außerdem stellen wir als Mitgesellschafterin des Karlsruher Verkehrsverbunds den Betrieb des Testfelds sicher, indem wir ein eventuelles Defizit sowie das Haftungsrisiko für die Laufzeitgarantie von fünf Jahren übernehmen. Im Zuge der Bewerbung sind wir schließlich alle – unter anderem Vertreter der Forschungseinrichtungen, des KVV und ich als Stadtoberhaupt ¬– nach Stuttgart gefahren, um unser Projekt im Ministerium vorzustellen. Erfolgreich, denn wir konnten mit unseren Ideen überzeugen.

Welche Chancen eröffnet das Testfeld aus Ihrer Sicht der gesamten Region Karlsruhe, oder sogar dem Land Baden-Württemberg?

Der Aufbau und der Betrieb des Testfelds Autonomes Fahren Baden-Württemberg leisten einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Mobilität. Denn die Digitalisierung eröffnet viele Chancen, um Mobilität umweltfreundlicher, schneller und sicherer zu machen. Das ist entscheidend für die Zukunft unserer Städte und Regionen. Firmen und Forschungseinrichtungen können auf dem Testfeld zukunftsorientierte Technologien und Dienstleistungen rund um das vernetzte und automatisierte Fahren technologieoffen und unternehmensunabhängig erproben. Dabei richten wir den Blick nicht nur auf den Individualverkehr, sondern auch auf Busse oder Nutzfahrzeuge wie Straßenreinigung oder Zustelldienste. Denn Autonomes Fahren soll nicht zu mehr Individualverkehr sondern zu mehr öffentlichem Verkehr führen sowie zu einer positiven Umweltbilanz beitragen. Außerdem werden durch das Testfeld auch kleinere und mittlere Unternehmen profitieren und die Niederlassung von Firmen aus dem Mobilitäts- und IKT-Sektor wird begünstigt.

Wie könnten konkrete Anwendungen solcher automatisierten Lösungen aussehen, die den Bürgern noch mehr Lebensqualität bringen, etwa im Personennahverkehr oder in der Logistik?

Es wäre doch faszinierend, wenn wir in nicht allzu ferner Zukunft mit Hilfe unserer Smartphones entscheiden könnten, wie wir am schnellsten und umweltfreundlichsten von A nach B kommen: Ob per selbstfahrendem Elektro-Auto aus dem Sharing-Pool, per autonom fahrenden ÖPNV-Shuttle, mit Mietfahrrad und Straßenbahn oder durch eine intelligente Kombination verschiedener Verkehrsmittel. Eine App bucht und rechnet ab, vernetzte autonome Fahrzeuge aller Art warnen einander vor Kollisionen und Kontrollsysteme garantieren die Einhaltung der Verkehrsregeln. Außerdem könnten autonom fahrende Transportsysteme Lebensmittel und Waren rund um die Uhr zustellen. Automatisierte Lösungen werden also im Idealfall dazu beitragen, dass wir in Zukunft mehr freie Zeit haben, sicherer vorankommen, flexibler sind und uns auch leichter versorgen können.

Sarah Wiegräfe
Referentin NEULAND
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

Innovations- und Relationsmanagement (IRM)

Telefon: +49 721 608 22612
E-Mail: sarah.wiegraefe@kit.edu

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