Wie eine künstliche Intelligenz dem leisen Wispern des Wassers lauscht und frühzeitig warnt, bevor es zur tosenden Sturmflut wird.
Kleine Flüsse werden als unscheinbare Idylle wahrgenommen: An ihren Ufern wächst sattes Grün, das Plätschern des Wassers strahlt Ruhe aus und beim gemütlichen Spaziergang können unterschiedlichste Tierarten beobachtet werden, die hier ihren Lebensraum haben. Doch diese vermeintlich harmlosen Fließgewässer sind eines der ungesehenen Risiken unserer Zeit. Manchmal genügt ein winziger Pegelanstieg nach einem Sommergewitter oder eine verirrte Wolkenwalze, die eine Talmulde als Platzregen trifft. Vor allem kleine Wasserläufe reagieren unglaublich schnell auf Starkregen und können sich binnen weniger Minuten bis Stunden in reißende Fluten verwandeln. Diese schnell reagierenden Einzugsgebiete zeichnen sich durch geringe Vorwarnzeiten, hohe Unsicherheiten und ein enormes Schadenpotenzial aus.
Das Projekt sammelt Daten zu Wasserstand, Durchfluss und Niederschlag in Echtzeit und integriert diese in KI-Modelle. Ziel ist es, anhand dieser Daten zuverlässige Warnsignale zu entwickeln, bevor kleine Flüsse zu einer großen Gefahr werden.
Dem Flüstern eine Stimme geben
Das Forschungsprojekt KI-HopE-De will genau dieses Flüstern der Flüsse verstehen und ihm eine Stimme geben, die rechtzeitig warnt. „Wir untersuchen und entwickeln moderne Methoden der künstlichen Intelligenz, um diese deutschlandweit in Flusseinzugsgebieten kleiner gleich 500km² einzusetzen. Dieser Ansatz ermöglicht uns erstmals, eine einheitliche Prognose für diese Regionen zu erstellen und damit die Vorhersage von Extremwetterereignissen zu verbessern“, beschreibt Dr. Ralf Loritz, Nachwuchsgruppenleiter der Gruppe ‚Energy and information flows in hydrological systems‘ am Institut für Wasser und Umwelt (IWU) des KIT, das Vorhaben. Seine Motivation? Der promovierte Hydrologe nennt Neugierde als Antrieb: „Mit dem zunehmenden Einsatz von KI ist meine Faszination gewachsen, wie diese Modelle funktionieren. Daraus wiederum ist eine pragmatische Haltung entstanden: Was in anderen Bereichen einen Mehrwert stiftet, könnte auch in der Hydrologie wertvolle Unterstützung leisten. Ich habe mich daraufhin als Postdoktorand und später mit meiner Nachwuchsgruppe genauer damit beschäftigt und fand Bestätigung. Meine Forschung hat gezeigt, dass diese Modelle sehr gut hydrologische Zustände und Flüsse abbilden können.“
Wie KI-Hope-DE funktioniert
Kleine Flüsse sind wie schlafende Riesen: im Alltag harmlos, bei Starkregen überfordernd. Die Wasserläufe steigen rasant an und treffen Anwohner und Einsatzkräfte oft unvorbereitet. Klimawandel und zunehmende Unwetterereignisse verschärfen diese Gefahr zukünftig. Vorwarnzeiten verkürzen sich drastisch, wodurch aktuelle Modelle an ihre Grenzen stoßen. KI-HopE-De sammelt und verknüpft hydrologische Daten aus ganz Deutschland, trainiert KI-Modelle und ermöglicht Frühwarnungen, um Gemeinden rechtzeitig vor Katastrophen zu bewahren.
Mit KI gegen die Katastrophe
Was mit wissenschaftlicher Neugierde begann, wird mit KI-HopE-De nun zu einem konkreten Projekt. Gemeinsam mit weiteren Forschenden des KIT vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung (Prof. Dr. Peter Knippertz), dem Deutschen Wetterdienst sowie verschiedenen Landesämtern möchte Loritz zusammen mit seinem Kollegen Dr. Uwe Ehret vom IWU mit KI gegen potenzielle Katastrophen vorgehen. Passend zum Namen macht das Projekt Hoffnung auf das, was bisher eingesetzte Modelle in kleinen Flusseinzugsgebieten nicht leisten können. Loritz erklärt: „Traditionelle, physikalisch-basierte Modelle werden für große Flüsse eingesetzt. Diese Modelle berechnen Fließgeschwindigkeit, Querschnitt sowie Pegel und sind dabei sehr präzise. Sie sind jedoch aufwändig einzurichten, oft nur für ein einzelnes Flussbett optimiert und stark abhängig von zuverlässigen Niederschlagsvorhersagen. Dort, wo Meteorologie unpräzise wird, etwa bei lokal begrenzten Gewittern, geraten sie an ihre Grenzen.“ Ein klassisches Modell rechnet mit einer festen Regenmenge: 15ml oder 100ml pro qm², nichts dazwischen. Genau hier setzt KI-HopE-De an. Machine-Learning-Modelle, die über viele Flüsse hinweg trainiert werden, erlernen Muster unter anderem aus historischen Wasserpegel- und Niederschlagsdaten. Sie können dadurch die Unsicherheit mehrerer Wetterszenarien statistisch integrieren. Selbst aus ungenauen Prognosen, wie beispielsweise großen Spannweiten der Regenmenge, können sinnvolle Abflussvorhersagen abgeleitet werden. Das Ergebnis ist eine KI-gestützte Hochwasservorhersage, die bei kurzen Vorwarnzeiten wichtige Hinweise liefern kann. „Die Modelle lernen aus vielen hydrologischen Daten und können dadurch den Arbeitsaufwand deutlich verringern, besser mit Unsicherheiten umgehen und Vorhersagen für bundeslandübergreifende Gebiete möglich machen“, berichtet Loritz.
Das Forschungsteam von KI-HopE-DE: Gemeinsam mit dem Deutschen Wetterdienst und mehreren Landesbehörden entwickelt die Gruppe unter der Leitung von Dr. Ralf Loritz (dritter von links) und Uwe Ehret (rechts von Ralf Loritz) KI-Modelle zur Verbesserung der Hochwasservorhersage in kleinen Einzugsgebieten.
Der Datensee als Fundament
Ein einheitlicher, deutschlandweiter Datensatz ist das fundamentale Ziel des Projekts. Pegelstände, Abflüsse, Niederschlag, Temperatur, Windgeschwindigkeiten, Landnutzung — alles in einer Datenbank. Bis dato sind diese Messreihen oft fragmentiert: Landesämter, Verbände, Untergruppen oder Regierungspräsidien verwalten eigene Daten. Für Forschende hat dies bisher viele Anfragen zur Datenweitergabe, unterschiedliche Formate und oft fehlende Zugriffsmöglichkeiten zur Folge. Loritz betont: „Niemand weiß eigentlich, was wir in Deutschland alles an Messungen im Bereich Umwelt und Wasser durchführen. Die Erstellung eines deutschlandweiten einheitlichen Datensatzes ist daher ein wichtiger Meilenstein. Durch die Zusammenarbeit von Partnern aus Forschung, Wirtschaft und öffentlicher Hand können wir eine große Menge an Daten zur besseren Erforschung sammeln. Selbst wenn das Projekt am Ende keine Anschlussfinanzierung erhalten sollte, hätten wir diesen wichtigen Datenschatz. Für die Forschung, für spätere Projekte und für eine bessere Risikobewertung.“
Vom Labor in die Leitstelle
KI-HopE-De ist aber kein reines Vorzeigeprojekt der Forschung: Erste Datensätze und einfache Modelle für Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg existieren bereits und wurden zur Implementierung an Hochwasservorhersagezentralen übergeben. Um die Algorithmen reibungslos nutzen und von der Theorie in die Praxis überführen zu können, werden Mitarbeitende der Landesämter durch die Forschenden in Workshops geschult. Die Umsetzung verlangt Sorgfalt: Serverausfälle oder verspätete Wetterdaten sind beispielsweise reale Risiken, wenn eine KI in operative Vorhersageketten eingebunden wird. „Im Labor lässt sich viel zeigen — die Frage ist, wie sich diese Ergebnisse in der Praxis bestätigen lassen, wo nichts mehr schiefgehen darf, weil es um Sachschäden oder schlimmstenfalls Menschenleben geht“, sagt Loritz mit Blick auf erste Testphasen. Eine Frage, die das Projekt innerhalb der nächsten zwei Jahre verbleibender Projektlaufzeit klären soll. Das Flüstern der Flüsse bleibt – aber es wird hörbar: KI-HopE-De schafft eine Stimme, die aus Fragmenten ein Gesamtbild formt.
KI-HopE-De sammelt und verknüpft hydrologische Daten aus ganz Deutschland und trainiert damit KI-Modelle.
Das Projekt Team von KI-HopE-DE.
Das Projekt sammelt Wasserstands-, Abfluss- und Niderschlagsdaten in Echtzeit und integriert sie in KI-Modelle.
Keyfacts zum Projekt
ZIEL
Entwicklung einer KI-gestützten Hochwasserprognose zur Verbesserung der Wettervorhersage, der Abflussmodellierung und der Frühwarnung bei Extremwetterereignissen
EINSATZ
Implementierung in deutschen Hochwasservorhersagezentralen mit einem besonderen Fokus auf kleine Flusseinzugsgebiete
PROJEKTPARTNER
Karlsruher Institut für Technologie (KIT); Deutscher Wetterdienst (DWD); Landesamt für Natur, Klima und Umwelt Nordrhein-Westfalen; Landesamt für Umwelt Rheinland-Pfalz
Diese Seite nutzt Website-Tracking-Technologien von Dritten, um ihre Dienste anzubieten. Ich bin damit einverstanden und kann meine Einwilligung jederzeit mit Wirkung für die Zukunft widerrufen oder ändern.