Neuland

Tausend und eine Idee

Wie Professorin Dr. Ute Schepers biochemische Forschung als Basis für anwendungsorientierte Produktideen nutzt.

1001 Nächte erzählte Scheherazade die bekannten Geschichten von Aladdin, Sindbad und anderen Abenteuern. Sie steht damit für Klugheit und den Willen, den Lauf der Geschichte mit der Macht des Geistes zu ändern. Der kreative Geist der Märchenfigur und ihrer Helfer ist außergewöhnlich – aber was verbindet Scheherazade mit der Wissenschaft am KIT? „Erfindungsreichtum und die richtige Einstellung“, findet Professorin Ute Schepers, „die man braucht, um gesellschaftsrelevante Innovationen zu erzeugen. Dabei ist fundierte Forschung eine gute Basis, aber entscheidend sind die Ideen, aus denen man etwas Nützliches machen kann.“

Genau darin liegt die Stärke ihrer Forschungsgruppe am Institut für Toxikologie und Genetik des KIT. Ihr Team beschäftigt sich im Kern mit Fragen rund um die Biochemie, Genetik und Peptid-Forschung. Die daraus entstehenden Innovationsprojekte klingen handfester: Haarwuchs aus dem Drucker, Entfernung von Tätowierungen mit Licht, selektive Zerstörung von Tumorzellen. Ein weites Feld der Anwendungen, die nicht immer sofort ersichtlich sind. „Oft fragen mich Doktoranden, was man aus dieser oder jener Entdeckung unter dem Mikroskop machen könnte. Dann heißt es um die Ecke denken“, so Schepers.

"Unsere Idee basiert auf der Herstellung verschiedener menschlicher Organe auf einem miniaturisierten „Body on a Chip“-System. Wir konnten bereits dreidimensionale Organe wie Leber, Darm, Hirn, Haut oder Lunge mit Hilfe von 3D-Druckern auf ein künstliches Blutgefäßsystem drucken und naturgetreu in miniaturisierter Form nachbilden."

Prof. Dr. Ute Schepers

Eines der wichtigsten aktuellen Innovationsprojekte der Professorin und ihres Teams aus wissenschaftlichen und unternehmerisch geprägten Mitstreitern ist die Ausgründung vasQlab. Das Gründungsteam ist angetreten, um die Medikamentenentwicklung umzukrempeln und hat mit seinen miniaturisierten Organen auf Body-on-a-Chip-Systemen, seinen künstlichen Blutgefäßen und dem 3D-Druck menschlicher Organe schon einige Expertenjurys überzeugt – unter anderem beim Cyber Champions Award 2016.

„Auch wenn es einfacher geworden ist, neue Wirkstoffe herzustellen, sind die anschließenden klinischen Studien langwierig und verschlingen oft mehr als 1,2 Milliarden Euro. Daneben stiegen in den letzten Jahren die Zahlen der Versuchstiere allein in Deutschland auf 2,8 Millionen, während die Zulassung neuer Medikamente durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte nicht signifikant gestiegen ist. Außerdem kommt es beim Test neuer Medikamente am Menschen während der klinischen Phasen immer wieder zu schweren gesundheitlichen Schäden und sogar Todesfällen. Ergebnisse aus Tierversuchen sind nicht immer auf den Menschen übertragbar“, erklärt Ute Schepers. Miniaturisierte menschliche 3DGewebe und -Organe aus verschiedenen Zellen, können in der präklinischen Phase schon Hinweise auf die Verträglichkeit der Wirkstoffe im Menschen liefern, wodurch das Risiko in den klinischen Phasen minimiert werden kann. Ein Projekt mit hoher Relevanz und großem Potenzial für die Pharmabranche.

Während vasQlab im August 2017 notariell gegründet werden soll, hat die Wissenschaftlerin schon neue Ideen auf den Weg gebracht: „Wir starten gerade mit Projekten zur photodynamischen Therapie von Krebs und lichtaktivierbaren Tinten, die beide zu Ausgründungen führen könnten.“ Daneben ist die Biochemikerin offen für Kooperationen mit der Industrie, um ihre Ideen weiterzuentwickeln und an den Markt zu bringen. „Unsere kreativen Ideen sind für ganz unterschiedliche Branchen interessant. Als wissenschaftliche Gruppe können und wollen wir nicht alles selbst bis zur Kommerzialisierung verfolgen. Für Industriepartner bieten die Projekte jedoch aussichtsreiche neue Geschäftsfelder“, so Schepers.

Mit Licht gegen Krebs

Trotz der Fortschritte in der Behandlung von Krebs gibt es noch immer Probleme mit vielen Chemotherapeutika, wie zum Beispiel Resistenzen oder schwerwiegende Nebenwirkungen durch die gleichzeitige Abtötung von Stammzellen und besonders teilungsaktivem Gewebe. Ebenso bleibt es bei der Strahlentherapie eine Herausforderung, umgebendes gesundes Gewebe nicht zu schädigen. Die photodynamische Therapie ist eine innovative Behandlungsmethode für Krebs auf Basis lichtinduzierbarer Wirkstoffe, sogenannte Photosensitizer. Der Photosensitizer wird dem Patienten in den Blutstrom injiziert und ist für den Organismus zunächst völlig unbedenklich. Erst unter Bestrahlung mit Licht einer bestimmten Wellenlänge entfaltet der Photosensitizer seine toxische Wirkung: Durch lokale Belichtung des Tumors kommt es zur Bildung reaktiver Sauerstoffspezies, die die Tumoren zerstören.

Konventionelle Photosensitizer wie Titandioxid eignen sich allerdings nicht zur Therapie tiefer liegender Tumore, da sie mit UV-Licht aktiviert werden, welches im menschlichen Körper eine geringe Eindringtiefe besitzt und zellschädigend ist. Photosensitizer, welche mit langwelligerem Licht aktiviert werden, sind daher für die Tumortherapie von äußerst großem Interesse. Die Forschungsgruppen von Professorin Ute Schepers und Professor Claus Feldmann haben lichtempfindliche β-Zinnwolframat-Nanopartikel entwickelt, die im Gegensatz dazu unter physiologischen Bedingungen sehr stabil sind. Da sie mit sichtbarem Licht aktiviert werden, können auch tiefer liegende Tumore behandelt werden.

Gewinner beim Innovationswettbewerb

Das wissenschaftliche Team um Ute Schepers hat schon mehrmals am Innovationswettbewerb NEULAND des KIT teilgenommen und gewonnen – unter anderem mit den Themen Anti-MSRA-Wirkstoffe und „Mit Licht gegen Krebs“.
V.l.n.r.: Vizepräsident des KIT Prof. Thomas Hirth, Projektmitarbeiterinnen Carmen Seidl und Eva Zittel, Prof. Ute Schepers, Prof. Claus Feldmann bei der Preisverleihung des Innovationswettbewerbs 2016 für das Projekt „Mit Licht gegen Krebs“. 

Mensch auf dem Chip

Bei Medikamententests am Menschen kommt es immer wieder zu gesundheitsschädlichen, zuweilen sogar tödlichen Schäden. Tierversuche wiederum sind ethisch bedenklich und ihre Ergebnisse sind nicht immer auf den menschlichen Körper übertragbar.
Miniaturisierte menschliche 3D-Gewebe und Organe aus verschiedenen Zellen, sogenannte Body-ona- Chip-Systeme, können in der präklinischen Phase schon Hinweise auf die Verträglichkeit der Wirkstoffe im Menschen liefern, wodurch das Risiko in den klinischen Phasen minimiert werden kann. Es besteht ein Bedarf an in-vitro-Systemen, in denen versorgende Blutgefäße in Kombination mit 3D-Geweben kultiviert werden können und die zudem den physikalischen sowie mechanischen Ansprüchen eines Blutgefäßystems gerecht werden. Heute gibt es wenige, mikrofluidische Chipsysteme, die allerdings aus eckigen Kanälen bestehen und nicht die gekrümmte Umgebung eines Blutgefäßes beziehungsweise das Strömungsprofil des Blutgefäßes repräsentieren.
Die Forschungsgruppe von Prof. Schepers konnte ein dreidimensionales, mikrofluidisches Blutgefäßsystem aus runden, porösen und verzweigten Kanälen durch Mikrothermoformen entwickeln, auf das miniaturisierte 3DOrgane durch 3D-Bioprinting aus menschlichen Zellen aufgedruckt werden können. Durch so entstehende günstige Einwegprodukte können die Kosten der Wirkstoffforschung gesenkt und die Anzahl der Tierversuche minimiert werden.

Der Chip

Mittels 3D-Druck und künstlichen Blutgefäßen werden unterschiedliche menschliche Organe auf einem Chip abgebildet. Eine Testsubstanz kann auf den Chip aufgebracht werden, um ihre Wirkung in-vitro zu untersuchen. Der Organchip ist momentan sechs Zentimeter lang und 2,5 Zentimeter breit, Prof. Schepers Ausgründung vasQlab arbeitet an einer weiteren Verkleinerung. Die Zellen werden Schicht für Schicht mit einem 3D-Drucker aufgebracht. Der Chip von vasQlab vereint verschiedene Organe und ist mit rund 10 Euro besonders günstig in der Herstellung.

Mikroskopische Untersuchung

Die Analyse soll möglichst einfach und standardisiert ablaufen können. vasQlab arbeitet momentan an einem Plug&Play-Analyse-Tool. Potenzielle Medikamente und Wirkstoffe können dann direkt mit hoher Reproduzierbarkeit an verschiedenen menschlichen Geweben getestet werden.

Personalisierte Medizin

Neben der Vermeidung von Tierversuchen und Einschränkung von Schäden bei Medikamententests am Menschen, können die Body-on-a-Chip-Systeme auch in der personalisierten Medizin zum Einsatz kommen. Dabei können Fragestellungen rund um Verträglichkeit, Wirksamkeit, Allergien oder die angemessene Dosis der Medikation vorab mittels Analysen auf dem Chip beantwortet werden.

Prof. Dr. Ute Schepers

Prof. Schepers ist seit 2009 am KIT tätig und leitet seitdem die Forschungsgruppe Chemische Biologie am Institut für Toxikologie und Genetik des KIT. Ihr Weg nach Karlsruhe führte sie vom Studium der Chemie in Bonn über wissenschaftliche Stellen in Bonn und in Harvard bis zur Habilitation 2011 am KIT.

Ihre wissenschaftliche Arbeit dreht sich um molekulare Transporter, Zellerkennung von polykationischen Transportern, antibakterielle Transporter und RNA-Interferenz-Techniken. Die Forschungsgruppe verfügt über eine große Bibliothek von Molekülen. Viele Produktideen sind aus aktuellen Forschungsprojekten, zum Beispiel im Rahmen von Doktorarbeiten entstanden, und werden teilweise bis zur Kommerzialisierung am Markt weiterverfolgt. So entstand unter anderem die Ausgründung vasQlab , mit der ein Unternehmer-Team rund um Prof. Schepers Body-on-a-Chip-Systeme entwickelt und vertreibt.

Prof. Schepers wurde mehrfach für ihre wissenschaftliche Arbeit ausgezeichnet. Ihr Ideenreichtum im Bereich der angewandten Forschung und Innovation wurde unter anderem mehrmals mit dem Innovationspreis NEULAND des KIT prämiert.

Innovationsprojekte

Body-on-a-Chip vereint „Mini-Organe“ auf kleinstem Raum, um zum Beispiel Medikamententests durchzuführen. Der abgebildete Chip enthält Darm, Leber, Niere sowie die Blut-Hirn-Schranke. Andere Organe, wie Haut, Lunge oder Herz sind ebenfalls bereits in Produktion. Eine Erweiterung des Chips auf zehn Organe ist in Planung.

Menschen auf dem Chip

Bei Medikamententests am Menschen kommt es immer wieder zu gesundheitsschädlichen, zuweilen sogar tödlichen Schäden. Tierversuche wiederum sind ethisch bedenklich und ihre Ergebnisse sind nicht immer auf den menschlichen Körper übertragbar. Miniaturisierte menschliche 3D-Gewebe und Organe aus verschiedenen Zellen, sogenannte Body-on-a-Chip, können in der präklinischen Phase schon Hinweise auf die Verträglichkeit der Wirkstoffe im Menschen liefern, wodurch das Risiko in den klinischen Phasen minimiert werden kann. Es besteht ein Bedarf an in-vitro-Systemen, in denen versorgende Blutgefäße in Kombination mit 3D-Geweben kultiviert werden können und die zudem den physikalischen sowie mechanischen Ansprüchen eines Blutgefäßsystems gerecht werden. Heute gibt es wenige, mikrofluidische Chipsysteme, die allerdings aus eckigen Kanälen bestehen und nicht die gekrümmte Umgebung eines Blutgefäßes bzw. das Strömungsprofil des Blutgefäßes repräsentieren. Die Forschungsgruppe von Prof. Schepers konnte ein dreidimensionales, mikrofluidisches Blutgefäßsystem aus runden, porösen und verzweigten Kanälen durch Mikrothermoformen entwickeln, auf das miniaturisierte 3D-Organe durch 3D-Bioprinting aus menschlichen Zellen aufgedruckt werden können. Durch so entstehende günstige Einwegprodukte können die Kosten der Wirkstoffforschung gesenkt und die Anzahl der Tierversuche minimiert werden.

Mit Licht gegen Krebs

Trotz der Fortschritte in der Behandlung von Krebs gibt es noch immer Probleme mit vielen Chemotherapeutika, wie zum Beispiel Resistenzen oder schwerwiegende Nebenwirkungen durch die gleichzeitige Abtötung von Stammzellen und besonders teilungsaktivem Gewebe. Ebenso bleibt es bei der Strahlentherapie eine Herausforderung, umgebendes gesundes Gewebe nicht zu schädigen. Die photodynamische Therapie ist eine innovative Behandlungsmethode für Krebs auf Basis lichtinduzierbarer Wirkstoffe, sogenannte Photosensitizer. Der Photosensitizer wird dem Patienten in den Blutstrom injiziert und ist für den Organismus zunächst völlig unbedenklich. Erst unter Bestrahlung mit Licht einer bestimmten Wellenlänge entfaltet der Photosensitizer seine toxische Wirkung: Durch lokale Belichtung des Tumors kommt es zur Bildung reaktiver Sauerstoffspezies, die die Tumoren zerstören.

Konventionelle Photosensitizer wie Titandioxid eignen sich allerdings nicht zur Therapie tiefer liegender Tumoren, da sie mit UV-Licht aktiviert werden, welches im menschlichen Körper eine geringe Eindringtiefe besitzt und zellschädigend ist. Photosensitizer, welche mit langwelligerem Licht aktiviert werden, sind daher für die Tumortherapie von äußerst großem Interesse. Die Forschungsgruppe hat lichtempfindliche β-Zinnwolframat-Nanopartikel entwickelt, die im Gegensatz dazu unter physiologischen Bedingungen sehr stabil sind. Da sie mit sichtbarem Licht aktiviert werden, können auch tiefer liegende Tumore behandelt werden.

Fluoreszenzspray gegen Melanome

Das maligne Melanom, der schwarze Hautkrebs, gehört zu den gefährlichsten Krebsarten der Haut. Wird es im fortgeschrittenen Stadium erkannt bestehen kaum Heilungschancen. Wird ein malignes Melanom frühzeitig erkannt, bestehen gute Heilungschancen. Die Früherkennung erfolgt überwiegend durch die chirurgische Entnahme und histologische Untersuchung von entarteten Leberflecken. Diese Methode ist aufwendig und erlaubt nur stichprobenartige Untersuchungen von Patienten.

Eine von Prof. Schepers Produktideen basiert auf der Entwicklung eines Kontaktgels oder eines Sprays zur Ganzkörperbehandlung und der anschließenden Detektion von entarteten Hautpartien mithilfe einer handelsüblichen und preisgünstigen UV-Lampe, die die Fluoreszenz des Farbstoffs anregt und die entarteten Leberflecken sichtbar macht. Nichtaufgenommene Substanz kann vorher durch Abwaschen entfernt werden. Die Idee basiert auf einer von der Forschungsgruppe synthetisierten fluoreszierenden Substanz, die selektiv nur von Zellen des malignen Melanoms aufgenommen wird. Screenings an menschlichen Zellen zeigen weder eine Aufnahme in gesunden Hautzellen noch in anderen Zellen oder Tumoren. 

Das Bild zeigt die Häufigkeit des Nachweises von MSRA in menschlichem Blut. Die Gruppe um Professor Schepers forscht an Wirkstoffen gegen den weit verbreiteten Krankenhauskeim.

Anti-MRSA-Wirkstoffe

In Deutschland liegt die Zahl der Infektionspatienten bei etwa einer Million pro Jahr, wobei die Zahl der Todesfälle auf bis zu 40.000 gestiegen ist. Ursache dafür ist eine Infektion mit einem der drei häufigsten Krankenhauskeime MRSA, ESBL oder dem Darmkeim VRE. Multiresistente Keime haben sich mit der Zeit an die Anwesenheit von Antibiotika angepasst. Die Zellen entwickeln Strategien, deren Wirkmechanismen auszuhebeln, und reagieren dann nur noch schlecht oder gar nicht mehr auf die Wirkstoffe. Vor allem in Krankenhäusern und Pflegeheimen sind die multiresistenten Keime global vorzufinden. Für die Behandlung multiresistenter Keime, wie beispielsweise Salmonella oder Staphylococcus aureus (MRSA) stehen zunehmend weniger Behandlungsoptionen zur Verfügung. Die Ausbildung und Verbreitung dieser sogenannten Superkeime kann daher derzeit durch herkömmliche Mittel nicht eingedämmt werden.

Prof. Schepers Team hat eine neue Substanzklasse basierend auf fettlöslichen peptidähnlichen Strukturen entdeckt, die eine sehr gute Wirksamkeit gegenüber MRSA zeigen. Anders als bei konventionellen Antiobiotika greifen die Peptidomimetika den bakteriellen Stoffwechsel an, sondern zerstören die Zellmembran des Bakteriums, so dass die MRSA austrocknen. Dadurch werden die Bakterien abgetötet und eliminiert. Eine Resistenzbildung findet nicht statt.

In einer Forschungskooperation hat Prof. Schepers eine Alternative zur schmerzhaften Haartransplantation entwickelt. Diese basiert einerseits auf genetischer Vervielfältigung der Haarwurzeln und andererseits auf einer biologisch abbaubaren Folie, die mit Haarwurzeln bestückt auf der Kopfhaut angebracht und dann schmerlos aufgelöst wird.

3D-Haardruck und Haartransplantation

Allein in Deutschland leiden rund zehn Millionen Männer an Haarausfall und etwa jede dritte Frau ist betroffen. Meist ist die einzige Abhilfe eine Haartransplantation. Dabei entnimmt der Chirurg einen Hautstreifen aus dem Haarkranz am Hinterkopf. Mehrere tausend Haarfollikel befinden sich auf diesem Hautlappen, der nun in kleine Transplantate zerlegt wird. Die einzelnen Haarfollikel werden in kleine Löcher in der Kopfhaut transplantiert, die der Chirurg entweder schlitzt, sticht oder mit einem CO2-Laser brennt. Transplantiert werden oft ca. 3000 einzelne Haare. Diese Prozedur ist sehr schmerzhaft und bei Patienten mit wenig Eigenhaar im Haarkranz nicht durchführbar.

In Zusammenarbeit mit einer Gruppe vom Institut für Technische Chemie hat Professor Schepers ein Verfahren entwickelt, das einen chirurgischen Eingriff umgeht und das die Einsetzung von mehreren tausend Haaren auf einmal erlaubt. Dabei werden dem Patienten aus dem Haarkranz wenige Haarwurzeln durch eine Biopsie beim Hausarzt entnommen. Aus zwei bis drei Follikeln werden dann mehrere tausend Haarwurzeln vervielfältigt. Um diese Follikel in einem einfachen Verfahren auf der Kopfhaut zu platzieren, werden die Zellen mit Hilfe eines neuentwickelten 3D-Laserdruckverfahrens auf eine spezielle Polymerfolie gedruckt, die mit kleinen haarwurzelähnlichen Vertiefungen versehen ist. Die Ränder der Vertiefungen sind chemisch so verändert, dass sie wie ein Klettband wirken, an dem die Haarwurzelzellen haften können. Da es sich um ein Folienmaterial handelt, das biologisch durch ein spezielles Enzym abgebaut wird, können nun mehrere tausend Follikel in einem Schritt ohne einen chirurgischen Eingriff transplantiert werden.

Nach Ablösung der Epidermis durch ein Fruchtsäurepeeling, wie es in der kosmetischen Behandlung von Alterserscheinungen durchgeführt wird, werden die Folien großflächig mit Fibrinkleber aufgeklebt. Nach 48 Stunden ist die Haut regeneriert und die Haarwurzeln eingewachsen. In kurzer Zeit zersetzt sich die Folie in FDA (Food and Drug Registration) zugelassene Produkte.

Interview mit Prof. Ute Schepers

Prof. Dr. Ute Schepers leitet ein interdisziplinäres Team mit hohem Frauenanteil. Sie plädiert für ein stärkeres Engagement von Frauen in Forschung und Innovation. Die privaten und beruflichen Ansprüche an die Lebensplanung ließen sich vereinbaren – solange die richtigen Schritte in der richtigen Lebensphase vorangetrieben würden.

Frau Prof. Schepers, Sie fördern explizit einen hohen Anteil von Frauen unter Ihren Doktoranden. Warum?

Weil ich denke, dass Frauen explizit auch Frauen fördern sollen, um sie zu motivieren, Führungspositionen einzunehmen, auch wenn sie eine Familie gründen wollen. Wenn wir als Frauen nicht zeigen, dass man beides unter einen Hut bringen kann, wer soll es denn sonst tun. Wenn die Mitarbeiterinnen sehen, dass es funktioniert, sind sie vielleicht eher bereit, den nächsten Karriereschritt zu machen. 

Woran liegt es, dass weniger Frauen als Männer ihre wissenschaftliche Karriere sehr konsequent verfolgen?

Bis zur Promotion sind Frauen und Männer auch in den MINT Fächern mittlerweile gleichauf. Danach kommt der große Einbruch. Und das hängt von drei wesentlichen Faktoren ab: Der erste ist der Eintritt in das Berufsleben. Frauen wagen weniger und setzen auf sichere Anstellungen, auch wenn das bedeutet, dass sie eine schlechter bezahlte Position bekommen. Auch nur sehr wenige Frauen wagen daher den Weg der Firmengründung. Frauen sind definitiv in der Jobsuche weniger ortsflexibel, weil sie Familien-affiner sind. Es gab mal eine Einschätzung von Arbeitspsychologen, dass Frauen auch weniger auf Statussymbole im Berufsleben wertlegen. So ist z.B. ist häufig das eigene Büro kleiner als das des gleichrangigen männlichen Kollegen, was zum Respektverlust bei Kollegen und Mitarbeitern führt. Das glaube ich aufs Wort. Allein dass Frauen immer noch deutlich schlechter bezahlt werden als ihre männlichen Kollegen mit der gleichen oder z.T. sogar schlechteren Qualifikation, gibt ihnen eine deutlich schlechtere Ausgangsbasis für eine gleiche Karrierechance. Leider sind es aufgrund des Mangels an weiblichen Bewerbern in Berufungsverfahren für Professuren auch meist Männer, die berufen werden, da sie auf eine Ausschreibung besser passen. Frauen nutzen auch das sogenannte Netzwerken nicht, da sie meist denken, dass sie es mit Leistung auch allein schaffen. Dadurch entgehen ihnen sehr viele Chancen. Der zweite und vielleicht sogar wesentliche Faktor ist die Familiengründung. Frauen planen die Familie von Anfang an in ihre Karriere mit ein. Das ist leider immer noch ein Widerspruch in sich für eine steile wissenschaftliche, Karriere mit vielen Zeitverträgen und Ortswechseln. Erfolgreiche Professorinnen sind leider durch die Zeit, die die Karriere kostet, oft kinderlos, wodurch sie auch als Role Model nicht wahrgenommen werden. Wenn es uns gelänge, eine langfristige (über die KITA hinaus) und selbstverständliche Kinderbetreuung zu schaffen, dann ließe sich auch die Familienplanung mit in die Karriere einbeziehen. Der dritte Faktor ist nicht ganz offensichtlich und hat mit der Kreativität zu tun. Die wissenschaftliche Karriere ist nicht nur die Karriere an sich: d.h. Promotion, Postdoc, Habilitation sondern auch ein kreativer Raum. Frauen sind sehr zielstrebig. Das zeigt sich schon in der Promotion. Sie verfolgen die Fragestellung bis sie das Ziel erreicht haben auf dem direkten Weg, während Männer sich auf diesem Weg sehr häufig ablenken lassen und dadurch auch durchaus sehr interessante Entdeckungen machen und sich davon inspirieren lassen. Dadurch entsteht ein größerer kreativer Raum, in dem man auch stärker wahrgenommen und gefördert wird. Das fördert nicht nur die Karriere sondern auch den eigenen Willen in der Wissenschaft zu bleiben. Ich versuche meine Doktorandinnen dazu zu bringen, auch eigene Ideen zu entwickeln und sie zu verfolgen. Die reichen wir dann auch zum Innovationswettbewerb ein. Das motiviert.

Wie können Frauen die Anforderungen einer zeitintensiven wissenschaftlichen oder forschungsnahen Karriere mit der Familienplanung unter einen Hut bringen?

Wie bereits gesagt, fehlt noch eine längerfristige Kinderbetreuung auch über die KITA hinaus. Das funktioniert am KIT schon sehr gut aber in vielen anderen Institutionen überhaupt nicht.

Wenn man genau hinschaut, ist die wissenschaftliche Karriere doch gut mit der Familie vereinbar. Wir als Frauen müssen das nur unseren Doktoranden vorleben. Jeder weiß, dass Publikationen schreiben oder Drittmittel einwerben nicht in den schon ohnehin vollen Tagesplan passen und viele Überstunden erfordern. Das schöne ist aber, dass man hauptsächlich für sich selbst arbeitet, viel Flexibilität in Arbeitszeit und Ort (Homeoffice, Mutter-Kind Büro etc) hat, mit vielen talentierten jungen Leuten zusammenarbeitet, und jeder Tag anders ist. D.h. hier gibt es eine große Mitbestimmung, wie ich meine Arbeit gestalte.

Anders ist es da mit Ausgründungen:

In Phasen denken – Anfang Mitte 30 ist für Frauen ein schlechter Zeitpunkt zum Unternehmen gründen –  hier ist die Risikobereitschaft  von Frauen sehr gering. Faktoren wie unsicheres Gehalt, aufzubringendes Kapital, Unsicherheit ob das ganze überhaupt funktioniert sind  no go Kriterien für eine gleichzeitige Familiengründung. Männer reizt eher dieses Risiko. Sie finden die Entrepreneurship Szene attraktiv, da Männer sich gerne treffen und Netzwerken. Frauen liegt das weniger: sie empfinden das eher als Zeitverschwendung.

Ab 40 dreht sich das dann wieder und Frauen suchen dann interessante Betätigungsfelder. Man ist gesetzter, sieht vieles lockerer, da man mehr Erfahrungen gemacht hat. Und: die Familienplanung ist meist umgesetzt und dieser Druck fällt ab.